5. Lebensstation - Beschreibung der furchtbaren Gefängnisse

 

Der reformierte Pfarrer Anton Praetorius (1560-1613) kritisierte die Zustände in den Gefängnissen und forderte grundlegende Reformen: „Wenn man Menschen in Gefängnisse einschließt, sollen es anständige Räumlichkeiten sein zur Verwahrung, aber nicht zur Peinigung.“ Wegen seines empathischen Eintretens für die Gefangenen wird er als Vorläufer von amnesty international bezeichnet.

Viel zu große Härte in den Gefängnissen (aus: Anton Praetorius, Von Zauberey und Zauberern. Gründlicher Bericht, Heidelberg 1613, S. 211; leicht gekürzt, Ausdrucksweise modernisiert)

Bei den Richtern... findet sich viel zu große Härte in den Gefängnissen. ... Ich habe selbst solche Gefängnisse gesehen bei Besuchen der Gefangenen. Wenn solche Gefangene in langer Einzelhaft ganz verzagt werden, macht sich der Teufel heran, dass sie ganz verzweifelt werden und sich das Leben nehmen. Die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich davon erzähle. Mein Herz will mir im Leibe zerspringen, wenn ich daran denke, dass ein Mensch den anderen um einiger Sünden willen so gräulich plagt... und in solchen Jammer bringt.

 

In dicken, starken Türmen, ... Gewölben, Kellern oder tiefen Gruben sind gewöhnlich die Gefängnisse. ... Die Gefangenen müssen auf einem Klotz, auf Steinen oder der Erde sitzen und die Beine in die unteren, die Arme in die oberen Löcher legen. Dann lässt man die Hölzer wieder fest aufeinander gehen. Dann verschraubt und verschließt man sie auf das härteste, dass die Gefangenen weder Beine noch Arme ... gebrauchen oder regen können. Das heißt: im Stock liegen oder sitzen.  

Etliche Gefängnisse haben große eiserne oder hölzerne Kreuze. Daran fesseln sie die Gefangenen an Rücken, Hals, Armen und Beinen, dass sie immer entweder stehen, liegen oder hängen müssen, je nach Beschaffenheit der Kreuze. Etliche Kerker haben starke eiserne Stäbe.... mit Eisenketten an beiden Enden. Daran schließen sie die Gefangenen an den Armen und hinter den Händen.

Die Stäbe haben in der Mitte große Ketten, die an der Mauer befestigt sind, so dass die Gefangenen stets in einer Lage bleiben müssen. Etliche machen ihnen noch dazu große, schwere Eisen an die Füße....

Etliche Gefängnisse haben ... tiefe Gruben, wie Brunnen oder Keller aufs allerstärkste gemauert. Oben im Gewölbe sind enge Löcher und starke Türen. Durch diese lassen sie die Gefangenen... mit Stricken hinunter, und ziehen sie, wenn sie wollen, auf gleiche Weise wieder heraus. Solche Gefängnisse habe ich selbst gesehen, bei Besuchen der Gefangenen. ... Je nachdem, wie nun der Ort beschaffen ist, sitzen etliche gefangen in großer Kälte, so dass ihnen auch die Füße erfrieren und abfrieren, und sie darnach, wenn sie los kämen, ihr Lebtag ein Krüppel sein müssen. Etliche liegen in steter Finsternis, dass sie der Sonne Glanz nimmer sehen. Sie wissen nicht, ob's Tag oder Nacht ist. Sie alle sind ihrer Gliedmaßen gar nicht mehr mächtig, haben immerwährende Unruhe, liegen in ihrem eigenen Mist und Gestank, viel unflätiger und elender denn das Vieh. Sie werden übel gespeist, können nicht ruhig schlafen, haben viel Kummer, schwere Gedanken, böse Träume, Schrecken und Anfechtung. Und ...werden von Läusen und Mäusen... übel geplagt, gebissen und angefressen. Darüber noch hinaus werden sie täglich mit Schimpf, Spott und Drohungen vom Henker und von den Wärtern mit Stöcken gequält und schwermütig gemacht. Alle Gefangenen sind arm dran! Und solches währt für die armen Gefangenen bisweilen ...zwei, drei, vier, fünf Monate, ja etliche Jahre. Solche Leute, obwohl sie anfänglich guten Mutes, vernünftig, geduldig und stark gewesen waren, werden doch mit der Länge der Zeit schwach, kleinmütig, verdrossen, ungeduldig und ... betrübt und verzagt.

O ihr Richter, was macht ihr doch? Was denkt ihr? Meint ihr nicht, dass ihr schuldig seid an dem schrecklichen Tod eurer Gefangenen?"

 

 

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