2. Lebensstation - Arrest in Oberwöllstadt

 

Gasthof zum Weißen Schwan in Oberwöllstadt

Zwischenfall in Oberwöllstadt

Keiner ahnte, wen sie an diesem sommerlichen Freitag am 5. August inhaftiert hatten. Man schrieb das Jahr 1603. Ein Fremder kam durch Niederwöllstadt geritten, Weib und Kind in seiner Begleitung. Sie verirrten sich und gelangten nach Oberwöllstadt, als gerade der Klang der Glocken die Menschen zum Gottesdienst rief.

Der Fremde machte mit seiner Familie eine Pause, ließ die Pferde füttern und hörte sich in der Kirche die Predigt an. Der Fremde war entsetzt über die Worte des katholischen Predigers, wie dieser die angebliche Himmelfahrt der Maria ausschmückte. Als glühender Protestant konnte er einfach nicht länger zuhören und verließ den Gottesdienst. Nach dem Gottesdienst stellte der Fremde den Prediger zur Rede: "Wie können Sie ihre Worte aus der Bibel belegen?" Der Prediger wurde wütend, ließ den Fremden festnehmen und im Gasthof Zum Weißen Schwan einsperren. In dem Verhör stellte sich heraus, dass es sich um Anton Praetorius mit seiner Familie handelte.

 

Anton Praetorius: Brief vom 20.8.1603 an Hans Reichard Bremstern
(Oberamtmann des Erzbischofs Johann Adam von Mainz)

Als der zuständige Kurfürst in Mainz von dem ungebührlichen Verhalten des Praetorius erfuhr, befahl er: "Praetorius soll wegen Beleidigung der katholischen Religion in Ketten gelegt werden!" So wurde Praetorius mehrere Wochen mit einer Eisenkette an den Bettpfosten gefesselt.

In seiner Not schrieb Praetorius an seinen Landesherrn, an den reformierten Kurfürst Friedrich IV. in Heidelberg. Der Kurfürst richtete am 12. August 1603 einen Brief an seinen "lieben Freundt und Bruder", den Kurfürsten und Erzbischof von Mainz und protestierte dagegen, dass sein Kirchendiener aus Laudenbach wegen einer Predigt von dem Schultheiß [Richter] dieses Ortes in Arrest und "verstrickhung" [Stricke, Fesseln] gesetzt wurde. Er bat, Praetorius wieder auf freien Fuß zu setzen. An einer Misshandlung des Predigers hätte er keinen Gefallen.

Der Mainzer Erzbischof Johann Adam brachte seine tiefe Verärgerung über die Geschehnisse in Oberwöllstadt zum Ausdruck und beschuldigte Praetorius des Verstoßes gegen die Verfassung und den Religionsfrieden des Heiligen Römischen Reiches. Doch befahl er dann Praetorius zu entlassen. Vor seiner Entlassung habe Praetorius jedoch alle Kosten dieses Gefängnisaufenthaltes zu bezahlen.

 

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